In meinem letzten Artikel habe ich bereits kurz das Thema der toxischen Positivität angesprochen und einen weiteren Beitrag darüber versprochen.
Lass uns also einmal betrachten, was toxische Positivität ist, wie sie sich auf unseren Alltag auswirkt und wie wir sie vermeiden können.
Begriffserklärung
Toxisch
Mit toxisch ist nicht die biologische Bedeutung (giftig) gemeint, sondern die psychologische.
In der Psychologie verwendet man den Begriff für etwas, das sehr bösartig, gefährlich, schädlich oder zermürbend ist. Sprich, es schadet am Ende unserer Psyche und mentalen Gesundheit und kann uns insofern auch blockieren, uns schwach und ausgelaugt oder einfach unwohl fühlen, uns im schlimmsten Fall sogar in eine Depression oder schlimmeres ziehen.
Der Begriff selbst ist dir vielleicht sogar schon geläufig. Gerade in Bezug auf Personen wird er gerne verwendet und scheint ein regelrechtes Modewort zu sein.
Gerade hier muss man aber aufpassen, denn das Wort „toxisch“ kann auch zu schnell in dem Mund genommen werden und verhindern, dass wir uns mit unangenehmen Situationen auseinandersetzen.
Dieses toxisch ist in diesem Fall aber nicht auf eine Person, sondern auf eine Art Lebensphilosophie zu sehen und somit nicht mit dessen anderer Nutzung vergleichbar.
Positivität
Positivität ist ein Begriff aus der Philosophie und heißt so viel wie Bestimmtheit oder Wirklichkeit.
Aber auch von Rudolf Steiner wurde dieser Begriff geprägt und hier geht es darum das Schöne und Gute zu sehen (Name der 4. Nebenübung).
Beide Begriffe zusammen genommen beschreiben somit am ehesten worum es bei der toxischen Positivität geht; nämlich die Erstellung einer Wirklichkeit, in der nur das Schöne und Gute gesehen wird.
Einleitung
Moment mal, wirst du jetzt vielleicht denken; will der uns sagen, dass es schlecht sei, das Schöne und Gute zu sehen? Nein, definitiv nicht! Im Gegenteil, an und für sich ist das sogar der bessere Weg.
Toxisch wird es aber, wenn die Positivität niemals hinterfragt wird. Wenn wir schlussfolgern, dass positive Gedanken die Lösung aller Probleme sind, weil die negativen ja zu Depressionen und Unwohlsein führen.
Übrigens ist positives Denken auch nicht das gleiche wie Positivität.
Wenn wir positiv denken, dann denken wir in einer unangenehmen Situation vielleicht, dass alles am Ende gut werden wird, lässt uns aber den Raum, diese Denkweise zu korrigieren, falls sich bestimmte Faktoren ändern. Wir können also selbst entscheiden ob, wann und wie stark positiv wir sein wollen.
Es ist quasi eine unverbindliche Abmachung mit uns selbst.
Positivität hingegen ist eine Grundhaltung, eine Lebenseinstellung. Im besten Fall malen wir keine rosaroten Wolken, wo es am Himmel vielleicht nur Regenwolken gibt, aber wir würden in diesem Fall erkennen, dass es zwar regnet und wir nass werden, dass aber der Regen auch den Pflanzen und Tieren hilft.
Und an dieser Grundhaltung ist auch gar nichts verkehrt. Doch wenn sie eher an der Oberfläche eingesetzt wird und zum Tragen kommt, so wie man das häufig durch irgendwelche Coaches und Selbstoptimierer in der Optimismus Bewegung gelehrt bekommt, dann kann es sehr schnell toxisch werden und statt der versprochenen und/oder erhofften Erfüllung und Glückseligkeit, Leid verursachen oder sogar vergrößern.
Gute und schlechte Positivität

Tatsächlich gibt es hier zwei Varianten.
Während bereits in den Wissenschaften nachgewiesen wurde, dass eine optimistische Lebenseinstellung uns nicht nur ein besseres Gefühl gibt, sondern sich auch positiv auf unser Umfeld und unseren Körper auswirkt, gibt es im Gegensatz dazu aber auch die Kehrseite der Medaille.
Im Prinzip ist es wie mit allem; das Maß ist entscheidend.
Eine grundsätzlich positive Einstellung zum Leben und ein optimistisches Denken („Ich weiß, dass hinter den Wolken am Himmel immer noch die Sonne scheint.“) kann man also gewiss mit guter Positivität bezeichnen.
Wird diese Positivität aber zur einzig wahren Religion erhoben, hören wir auf zu hinterfragen, haben wir uns mit unserer Katalogisierung unserer Welt in einen Elfenbeinturm der Erleuchtung gesetzt und beginnen wir alles außerhalb dessen als falsch anzusehen, dann ist das toxisch.
Wenn Positivität die einzig wahre Antwort ist und jeder Widerspruch im Keim erstickt wird, dann ist das toxisch.
Man könnte auch sagen, wir sehen in der Nacht nicht mehr, dass es Nacht ist und behaupten steif und fest, dass es Tag ist. Wir ignorieren die Realität. Wir denken uns, dass wir, weil es Tag ist, keine Taschenlampe brauchen und dann stoßen wir uns den Fuß und schaden uns.
Erkennen von toxischer Positivität
In der vorher genannten Bewegung gibt es immer wieder ganz klassische Sätze, bei denen jeder sofort hellhörig werden sollte:
- Du bist gut so wie du bist (kein Raum für Veränderung)
- Lass los, was hinter dir liegt (Verdrängung der Vergangenheit und deren Bewältigung)
- Du bist der Meister deines Schicksals (Verantwortungsverschiebung)
- Lächle jeden Tag (Glückszwang)
- Wenn du negative Gefühle hast, dann lass sie verschwinden (Realitätsverlust, Störung der Identifikation)
- Es liegt an dir, ob du dich schlecht fühlt (Schuldzuweisung)
- Alles ist eine Chance (Fehler werden nicht erkannt, Entwicklungsstopp)
Das sollen einmal nur ein paar Beispiele sein, die aber hoffentlich aufzeigen, worum es mir geht.
Es geht mir dabei auch nicht um die Aussagen per se, sondern darum, dass diese Aussagen in eine Form der Absolutheit gepredigt werden und es scheinbar gar keine Alternativen dazu gibt.
Die Gefahr, die hier allerdings lauert ist, dass man mit solchen Affirmationen früher oder später damit beginnt, negative Erfahrungen und Gefühle zu leugnen oder nicht zuzulassen. Wir nehmen uns in diesem Moment den Raum, diese auch machen und erleben zu dürfen. Wenn wir sie nicht zulassen, wenn wir sie leugnen, setzen wir uns aber auch nicht dran und beginne sie zu verarbeiten. Akzeptieren wir sie nicht als Teil eines Lebens, dass eben nicht nur aus positiven Gedanken und Gefühlen besteht.
Seriöse Menschen, die optimistische und positive Lebenseinstellungen leben und lehren sind sich dieses Punktes auch bewusst und sie wissen auch, wann man besser eine fachliche Hilfe (Psychologie) dazu holt und wann man therapeutisch noch unterstützen kann.
Du bist nicht mehr du

Wer toxische Positivität lebt, der ist am Ende auch nicht mehr er oder sie selbst. Denn wenn wir alles leugnen, verwehren, verdrängen und nicht zulassen, das nicht in unser Welt- und Selbstbild passt, wenn wir ständig nur lächeln, keine „negativen“ Emotionen zulassen und versuchen „perfekt“ zu sein, dann verwehren wir uns gegen das was wir sind, setzen eine Maske auf und unterdrücken unser wahres Sein.
Die Welt ist viel komplexer, als wir es wahrhaben oder erfassen wollen oder können und um sich sein Weltbild zu „verpositivieren“ muss diese in eine Einfachheit gezwungen werden, die ihr einfach nicht entspricht.
In einer gesunden Positivität wissen wir, dass aus jeder Erfahrung und Situation, sei sie nun gut oder schlecht, etwas Gutes daraus hervorgehen kann. Wir nehmen die unbequeme Wahrheit der aktuellen Situation an, erkennen sie an und fokussieren uns auf das was vor uns liegt.
Wir verdrängen also nicht, sondern wir ändern nur unseren Fokus.
Vergleiche
- Toxisch: „Ich leide nicht, ich bin glücklich“
- Positiv: „Wenn ich das Leid überwunden habe, werde ich gestärkt daraus hervorgehen“
- Toxisch: „Ich muss lächeln, dann wird alles gut“
- Positiv: „Heute bin ich traurig, aber ich werde auch wieder lächeln können“
- Toxisch: „Es hat nicht geklappt. Das ist kein Problem. Alles ist eine Chance. Einfach weitermachen.“
- Positiv: „Es hat nicht geklappt und ich bin traurig, aber ich werde herausfinden was mein Fehler war und mich verbessern oder ob es einfach nur ein blöder Tag war.“
Fazit
Toxische Positivität begegnet uns in vielen Formen und Farben und scheint ein regelrechter Trend zu sein.
Die Gefahr dabei ist aber, dass wir uns nicht mehr mit der Wirklichkeit auseinandersetzen und im schlimmsten Fall sogar Traumata nicht verarbeiten. Wir verdrängen so lang, bis wir entweder explodieren oder implodieren.
Eine gute Positivität hingegen hilft uns dabei auch mit schwierigen Situationen und negativen Gefühlen besser umzugehen und uns darauf zu fokussieren, ob und was wir besser machen können. Wir sehen sie als Chancen und Helfer zu einer gesünderen und stabileren Psyche.
Zum Abschluss möchte ich gerne noch ein Zitat aufgreifen, das sehr schön zeigt, was gute Positivität ist:
Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen.
Franz von Assisi

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